Am 3. Juli durfte Norbert Herschkowitz, einige Wochen vor seinem 90. Geburtstag, zu Hause friedlich einschlafen. In den letzten Jahren wurde er nach einer Hirnblutung von seiner Ehefrau und Wegbegleiterin Elinore liebevoll zu Hause gepflegt. Es wurde ruhiger um diesen bis ins hohe Alter so aktiven Menschen.

Norbert Herschkowitz wurde 1929 in Basel geboren, wo er seine Schulzeit verbrachte und anschliessend erste Erfahrungen in der Berufswelt als Laborgehilfe bei CIBA Geigy machte. Parallel dazu absolvierte er seine Matura, um dann ein Physikstudium an der ETH Zürich aufzunehmen. Bereits während dieser Zeit wurde er geprägt durch seine Arbeit mit schwerkranken Kindern am Röntgeninstitut. Die Überzeugung, dass diesen Kindern besser geholfen werden muss, und ausserdem könnte, wenn man nur genügend intensiv forschen würde, hat zum Wechsel der Studienrichtung geführt. Norbert Herschkowitz absolvierte das Medizinstudium in der Schweiz, wobei ihm neben verschiedenen Jobs zur Finanzierung seines Traums, bereits mehrere klinische Arbeitseinsätze in Spitälern in der Schweiz aber auch in Israel die klinische Arbeit näherbrachten. Schon früh fühlte er sich vom Geheimnis über das Funktionieren des Gehirns angezogen. So schrieb er in den ersten Studienjahren in einem Brief an seine Mutter: Was mich auch so interessiert: Der Zusammenhang zwischen dem Gehirn und den inneren Organen, die Tätigkeit des Gehirns – des Organs, dass uns zu Menschen macht“. Dieser Ausspruch als junger Medizinstudent wurde wohl zu seinem Berufsmotto. Ebenso früh entdeckte er seine Liebe zu Kindern, wobei er insbesondere Kindern mit einer Entwicklungsstörung helfen wollte und sich auch dafür einsetzte, dass diese Kinder besser in unser soziales Umfeld integriert wurden und nicht nur ihr Leben in Institutionen verbrachten. So war er stolz, dass es ihm gelungen war, dass geistig behinderte Kinder die Konfirmation in der Kirche erhalten durften. Norbert Herschkowitz durchlief eine Ausbildung zum Kinderarzt in Buenos Aires und in Basel, es folgten Forschungsauslandaufenthalte in London und an der Stanford Universität in Kalifornien. 1969 kehrte er in die Schweiz und an die Kinderklinik in Bern zurück. Hier war er zuerst als Abteilungsleiter tätig und erhielt dann 1982 die ordentliche Professur der Universität Bern. Als Präsident der European Society for Pediatric Research organisierte er 1981 deren Jahreskongress in Bern.

In den frühen Jahren in Bern schrieb Norbert Herschkowitz an seine Mutter: „Ich bin ganz fest mitten in der Arbeit und rauche vor Aktivität. Es gibt unendlich viel zu planen, zu organisieren und anzutreiben. Die Arbeit gefällt mir sehr und ich geniesse jede Minute. Es ist wirklich notwendig, dass etwas geschieht, denn es gibt so viele Probleme mit diesen Kindern, die man bis jetzt einfach nicht lösen kann“.
Mit Begeisterung setzte er sich als Neurowissenschaftler für die Erforschung des menschlichen Gehirns ein, insbesondere seiner biochemischen Substanzen und deren Funktionen. In den 1980er Jahren, nach Forschungsaufenthalten in London, England und in den USA war er von den Möglichkeiten der damals neuen MRI-Technik überzeugt und engagierte sich für die Anschaffung eines MRI-Geräts in Bern.

Norbert Herschkowitz blieb neben seiner Forschungsarbeit klinisch tätiger Kinderarzt und widmete sich den kleinen Patienten mit ihren Entwicklungsstörungen. Bis heute zeugt eine international bekannte pädiatrische Neuropsychologie an der Kinderklinik Bern von seinem Wirken.

Auch nach seiner Emeritierung liess ihn die Frage über die Entwicklung des Gehirns nicht ruhen. Er forschte weiter und öffnete sein Gebiet dem sich alternden Gehirn. Ausserdem versuchte er, dieses interessante und komplexe Wissen für die breite Öffentlichkeit verständlich zu machen. Von dieser Aktivität zeugen viele Bücher und Vorträge, welche er zusammen mit seiner Ehefrau Elinore veröffentlicht resp. gehalten hat. Während der Dekade des Gehirns von 1990-2000, unterstützte er viele Projekte, die das Ziel hatten, Wissen um unser Gehirn zu verbreiten. Bis heute existiert die jährliche Woche des Gehirns in der Schweiz, und mit ihr lebt er weiter.

Wir hoffen, dass die Erkenntnis, dass Norbert Herschkowitz ein erfülltes Leben führen durfte und dies voll Dankbarkeit mehrfach zum Ausdruck brachte, seiner Ehefrau, seinem Sohn, seiner Tochter und deren Familien Kraft für diesen schweren Abschied gibt.

Prof. Dr. med. Norbert Herschkowitz, 1929 – 2019